zu Roman Grafes Hetzartikel in der ZEIT

20. August 2010 12:32

Sehr geehrter Herr Blau,

ich erlaube mir Ihnen in Ihrer Funktion als Chefredakteur zu dem unerträglichen Artikel von Roman Grafe: Schiessen ist kein Menschenrecht einige Fakten zum Thema Sportwaffen und Waffengesetzgebung zu nennen. 

Ich bin als Kind in einer Familie von Kleinlandwirten und Jägern aufgewachsen. Waffen hingen damals am Kleiderhaken in der Diele oder dem Esszimmer. Von der Zeit der1848er-Revolution ausgehend ist die gesamte Familie in ihren Verzweigung jagdlich und schießsportlich aktiv. Ich kenne als legale Waffenbesitzerin nationale und internationale Wettkämpfe, erst jüngst besuchte ich die Schießsport-WM in München mit 2400 Spitzenschützinnen und -schützen aus 104 Ländern. IOC-Präsident, IOC-Vize, die bayerische Staatsregierung, OB und Städtetagvizepräsident Ude nahmen an der feierlichen Eröffnung teil. Es wurden olympische Wettbewerbe ausgetragen und zahlreiche nicht olympische, mit Druckluftwaffen, Kleinkaliber-und Großkaliberwaffen. 

Nur so viel zum zeitlichen Umfeld Ihres unsäglichen Beitrages über das Sportschießen in Zeit online. Ich bin entsetzt, dass ein Medienorgan wie die Zeit, der man eine so hohe Reputation nachsagt, einen fachlich derart falschen, desinformierenden und Millionen anständiger Menschen diffamierenden Beitrag veröffentlicht. Die Redaktion ist einem Autor auf den Leim gegangen, den Fakten nicht interessieren, umso mehr die Verbreitung seiner Ideologie, dass die Entwaffnung von insbesondere Schützen dringend notwendig sei. Eine sachliche Begründung für seine Verbotsforderungen bleibt er schuldig. Jederzeit zugängliche kriminologische Fakten aus dem In- und Auslandwerden ignoriert, nichtbelegbare Vorurteile und Behauptungen bestimmen das Bild.

 Das ohnehin seit 1973 sehr strenge Waffengesetz ist seit 2003 zweimal weiter verschärft worden. So unsinnig wie die Waffengesetzverschärfung 1973 als Reaktion auf den Baader-Meinhoff-Terror waren (die benutzten Kriegswaffen, die ohnehin verboten waren), so unsinnig sind die genannten Verschärfungen jetzt im Zusammenhang mit Schulmassakern. Wie sich politisch motivierter Terror nicht mit Verboten möglicher Tatmittel verhindern lässt, lassen sich kranke Killer-Persönlichkeiten durch weitere Restriktion von eventuellen Tatmitteln bremsen. Oder soll demnächst der Gebrauch von Ammoniumnitrat als Kunstdünger verboten werden, nur weil damit sehr wirkungsvolle Sprengsätze hergestellt werden können - Anleitung dazu im Internet, oder soll das Fällen von Bäumen verboten werden, weil man Holzklötze von Autobahnbücken in die Windschutzscheiben vorbeifahrender Autos und Busse werfen kann, wie schon - mit Todesfolge - passiert? 

Dass der legale Waffenbesitz keine Gefahr darstellt wird immer und immer wieder von zuständiger Stelle betont. Ihnen ist sicherlich die jährlich erscheinende Statistik „Jahresbericht Waffen- und Sprengstoffkriminalität“  bekannt. Diese ist zwar als Verschlusssache eingestuft, Ihnen jedoch sicherlich zugänglich. Sie gibt in nüchternen Zahlen Aufschluss über den tatsächlichen Missbrauch legal besessener Waffen. Die Straftaten mit Waffen sind seit 2005 insgesamt rückläufig, Handlungserfordernisse sieht man beim Bundeskriminalamt nicht, als Gefahrenpotential wird der illegale Besitz aufgeführt. Die verschwindend geringen Zahlen des Missbrauchs legaler Waffen, die dieser Statistik entnommen werden können, müssten eigentlich für sich sprechen. Dass die Fälle Erfurt und Winnenden von der Grundlage her nicht vergleichbar sind ist wissenschaftlichen Kommentaren zu entnehmen.

Ich darf hier aus der polizeilichen Fachzeitschrift Kriminalistik, Ausgabe 12/2006, zitieren:
 „….Dafür sind die Fallzahlen in den meisten Deliktbereichen zu niedrig und machen einen verschwindend geringen Anteil an den Gesamtstraftaten aus. Nach der Betrachtung der Daten bleibt die Frage im Raum stehen, warum eine Debatte um den legalen Waffenbesitz in Deutschland so emotionalisiert geführt wird. Eine mögliche Erklärung könnten die Fälle sein, bei denen Menschen durch die Verwendung von Legalwaffen ums Leben kommen. Durch die Berichterstattung in den Medien wird der Eindruck eines massiven Problems suggeriert, was zu gesellschaftlichem Druck auf die verantwortliche Politik führt. Wenn man nun konkrete Fallzahlen betrachtet, so stellt man für das Jahr 2002 fest, dass von 873 Morden/Raubmorden inklusive versuchter Taten (PKS 2002, S.131), bei fünf Fällen die Verwendung einer Legalschusswaffe zum Tode mindestens eines Opfers führte. Beim Totschlag sind 1791 Fälle bekannt geworden, 72,5% davon waren Versuche, dabei sind sieben Fälle zu vermerken, bei denen eine Legalwaffe mit Todesfolgen eingesetzt wurde. Hinzuzufügen ist, dass gerade diese Taten mit hoher affektiver Motivation durchgeführt werden, wie das BKA bestätigt. Ein affektiv motivierter Totschlag wird also unabhängig davon begangen, welche Waffe dem Täter im situativen Kontext konkret zur Verfügung steht: ’Hier wird jede verfügbare Waffe, auch die legale Schusswaffe, weil gerade zur Hand, zur Tatausführung benutzt.’ (Protokoll Nr. 92, 2002, S87). Selbst die völlige Abschaffung jeglichen legalen Waffenbesitzes würde demzufolge diese Tötungen nicht verhindern.“


Immer wieder hört man jetzt in der Debatte, man möchte keine amerikanischen Verhältnisse. Aber scheinbar kennt diese niemand genau, deshalb erlaube ich mir hier einige Zeilen aus der offiziellen US Kriminalitätsstatistik, die auf der Internetseite des US Justizministeriums zu finden ist, anzuführen: 

Die Kriminalitätsrate in den USA ist von 2006 auf 2007 nicht nur leicht gefallen, sondern sie ist seit 2002 jährlich gefallen, auf den niedrigsten Stand seit 1974. Das US-Justi zministerium sprach von einem "knappen 30-Jahre-Tiefststand".
Seit 1991 sind die Gewaltverbrechen um 38 Prozent zurückgegangen, Mord ist auf dem tiefsten Stand seit 40 Jahren, kontinuierlich gesunken seit 1991 um insgesamt 43 Prozent.

Dabei ist bemerkenswert, daß die Zahl der Gewaltverbrechen sinkt, obwohl pro Jahr 4,5 Millionen Schußwaffen mehr auf den US-Markt kamen, obwohl es mehr Waffenbesitzer als je zuvor mit mehr Waffen als je zuvor gibt. Im Jahr 2007 waren die Städte mit den höchsten Mordraten ausgerechnet die mit strenger Waffenkontrolle. Die ersten drei sind: 

  • Detroit - hier muss nach dem Waffengesetz des Staates Michigan eine Erlaubnis zum Waffenkauf eingeholt werden
  • Baltimore - hier  sind nach dem Gesetz von Maryland private Verkäufe streng limitiert und man muss beim Händler eine siebentägige Wartefrist bis zur Übergabe einhalten
  • Der District of Columbia (DC) - hier ist der Besitz von Handfeuerwaffen generell verboten

Detroit, Baltimore, Philadelphia und DC haben zudem die meisten Raubstraftaten.

Es ist Ihnen sicherlich möglich, die Kriminalitätsgeschichte der USA zu recherchieren. Tun Sie das,  denn dann werden Sie feststellen, dass Mordraten und deren Entwicklung über die vergangen 120 Jahre eine von Schusswaffenanzahl und-besitz vollkommen losgelöste Entwicklung zeigen.

Weiteres Beispiel Großbritannien: Hier wurde der private, legale Waffenbesitz fast völlig verboten, mit dem Ergebnis, dass dort niemand mehr nach Verschärfungen schreit, denn es gibt nichts mehr zu verschärfen oder zu verbieten. Sicherheit wurde jedoch nicht gewonnen wie eine Zusammenfassung aus der aktuellen Kriminalitätsstatistik des Vereinigten Königreiches zeigt.

Betrachtet man nur die "tatsächlich gefährlichen" und für Kapitalverbrechen relevanten FIREARMS (ohne Luftdruckwaffen !), beträgt die Steigerung von 1997 auf 2008 nicht nur das doppelte - sondern sogar mehr als das 4 fache ! 804 Fälle in 1997 / 1998 stehen 3.241 Fälle in 2007 / 2008 gegenüber.

Dass es dort erst jüngst einen Amoklauf mit Schusswaffe, gefolgt von einem Tötungsdelikt mit Schusswaffe, welches ebenfalls großes Aufsehen erregte gab, wird tunlichst verschwiegen. Das ist verständlich, denn dies hätte nach der Argumentation der damaligen "Entwaffner" nie mehr passieren dürfen und kommt einem Offenbarungseid der Waffengegner gleich.

Folgt man den Argumenten dieser „Entwaffner“, müssten in Staaten mit liberalen Waffengesetzen wie die Schweiz, wo jeder Wehrmann ein vollautomatisch schießendes Gewehr im Schrank hat, oder Österreich mit einem ebenfalls liberalen Waffengesetz die Kriminalitätsrate wesentlich höher sein. Das Gegenteil ist der Fall, die Kriminalität ist dort sehr niedrig.

Sehr geehrter Herr Blau - ich weiß, ich habe Sie jetzt mit Fakten und Logik belästigt. Mit ist natürlich klar, dass sich Unlogik erfahrungsgemäß durch die Logik in keiner Weise erschüttern lässt. Die Beharrungskraft der Ignoranz ist gewaltig - wie der genannte Beitrag auf Ihrer Website zeigt. Was solche Beiträge mit aufklärendem, informativem Journalismus zu tun haben sollen, erschließt sich mir nicht. Dass die "gute alte ZEIT" sich mit solchen Beiträgen völlig von einem aufklärenden, informativen Journalismus entfernt und sich in den Mainstream politisch korrekter Ideologieverbreiter einreiht, finde ich sehr traurig.

Im übrigen: Meine ganze Familie, unsere Freunde und ich - für Ihren Autoren sicher unbelehrbare Waffennarren - fühlen uns durch den ZEIT-Beitrag diffamiert. Sportschützen als "Mordschützen" zu diffamieren, die nur darauf warten losschlagen zu können, ist eigentlich Volksverhetzung.

 Diana Tell


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