Ein Jahr Schulmassaker – Nicht nur Gedenken
Kommentar von Walter Schulz / DWJ
„Bundespräsident Horst Köhler fordert Verschärfung des Waffenrechts!“ Das war die Schlagzeile über einer ganzen Reihe von Nachrichten am 11. und 12. März 2010. Zwar hat er selbst in Winnenden dieses Wort nicht in den Mund genommen, doch etwas anderes als Verschärfung kann er nicht gemeint haben mit den Worten: „Ich verstehe die jüngste Novellierung des Waffengesetzes als Zeichen dafür, dass ein Umdenken eingesetzt hat. Die Parlamente müssen diesen Prozess weiter voranbringen. Und die Schützenvereine sollten ihnen dabei helfen.“ Er sagte nicht, wer umdenkt und um welche alten und neuen Gedankeninhalte es sich dabei handelt. Und so bleibt dem Zuhörer nichts anderes üblich, als zu versuchen, diese nebulösen Äußerungen selbst zu deuten. Köhler sprach von einem Umdenken beim Waffengesetz, jenem Gesetz also, das den Umgang hunderttausender friedlicher Bürger mit ihren Sportgeräten, den Waffen, regelt. Wenn er ein Umdenken anmahnt, so scheint er Schwachstellen ausgemacht zu haben, die mit verantwortlich beispielsweise für Schulmassaker seien. De facto stellt er eine direkte Verbindung zwischen dem Schießsport und solchen Wahnsinnstaten her. Es ist übrigens immer noch der gleiche Bundespräsident, der kurz vor den Morden von Winnenden und Wendlingen den Schützen 2009 noch ins Stammbuch geschrieben hat: „Ich schätze das Engagement der vielen Schützenvereine, das weit über die sportliche Förderung des Schießsports hinausgeht. ... Für dieses ehrenamtliche Engagement gilt den Schützenvereinen mein herzlicher Dank: Sie leisten viel für unser Land!“ Ja was denn nun, Herr Bundespräsident. Wo ist ihre wahre Position? Die auf Fakten beruhende oder die von Massenmedien goutierte? Nun – auch Bundespräsidenten sind nur Politiker und als solche auf ihr gutes Image bei den Claqueuren in den Redaktionsstuben der politisch korrekten Massenmedien aus. Fakten haben da bei der Bildung der öffentlich verlautbarten Meinung kaum eine Chance. Das scheint auch für den – inzwischen aus dem Amt ausgeschiedenen – Oberbürgermeister von Winnenden Bernhard Fritz zu gelten. Am 11. März 2010 war er zusammen mit der Mutter eines Opfers, der Sprecherin des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden, Gisela Mayer, beim SWR 1 in der Radiosendung „Leute“ zu hören. Nun ist ja Betroffenheit erlaubt, und vom Schicksal furchtbar getroffene Eltern verdienen Respekt, Rücksicht und Verständnis. Sich aber die Verbindung zwischen Schießsport und Schulmassaker zu eigen zu machen, ist eine kaum mit Worten zu beschreibende Absurdität. Diese Verbindung stellte in besagter Sendung einmal mehr die Frontfrau des Aktionsbündnisses her. Ihre Argumentation: Es geht um eine Abwägung der Interessen von Hobbyisten, den Sportschützen, auf der einen Seite und dem Recht auf Leben von Schulkindern auf der anderen Seite. Diese Verbindung ist die Grundlage, auf der die Forderungen nach einem Verbot des Großkaliberschießens mit Kurzwaffen, des IPSC-Schießens oder der Aufbewahrung der Waffen in den eigenen vier Wänden beruhen. Niemand in der Sendung hinterfragte die Berechtigung und die Richtigkeit dieser Behauptung, schon gar nicht am Jahrestag der Bluttat. Ein Bild, in dem es böse Schuldige und Gefahrenherde mit starker „Lobby“ und Einfluss bei den Politikern und andererseits dadurch gefährdete Kinder gibt, passt einfach zu gut in Sendeschemata und Zeitungsbeiträge. Für viele Redakteure schien es zu verführerisch zu sein, wider alle Fakten die Welt in unter dem Einfluss der „Waffenlobby“ versagende Politiker und die guten, aber so sehr bedrohten Kinder zu unterteilen. Ja, die Welt muss wirklich besser werden, das lernte der SWR-1-Zuhörer von Frau Mayer und Herrn Oberbürgermeister. Wie kann man nur olympische und Weltmeistermedaillen von Schützen und Biathleten eine Bedeutung beimessen, wenn es andererseits um das Leben von Kindern geht? Und wieder war sie da, die averbale Botschaft: Schießsport ist eine potenzielle Gefahr, Schießsport kann Kinder und Jugendliche zu Schulkillern machen – dagegen muss die Politik etwas tun. Der Jahrestag des Blutbades von Winnenden und Wendlingen zeigte eindeutig: Es gibt ein gut funktionierendes Netzwerk von Personen und Organisationen, deren Ziel letztlich ein gesetzliches Verbot des Legalwaffenbesitzes ist. Fachlich sind in diese Richtung weisende Forderungen nicht begründbar. Also arbeitet man einerseits mit falschen Behauptungen und andererseits mit Emotionen. Viele, vor allem reichweitenstarke Organe der Massenmedien stellen sich bereitwillig als Sprachrohre zur Verfügung. Der journalistische Auftrag, die Medienkonsumenten sachlich richtig und tiefgründig aufzuklären, spielt dabei keine Rolle. Im Gegenteil: Seine Umsetzung würde nur stören. Online-Umfragen von Medien wie: „Soll privater Waffenbesitz in Deutschland verboten werden?“ hätten keine Grundlage mehr, würde man bei Fachbehörden wie dem Bundeskriminalamt oder kriminologischen Instituten recherchieren. Es muss sich etwas ändern in dieser Gesellschaft! Wer so etwas öffentlich sagt, muss schon ein richtig guter Mensch sein. Auch der Ex-Oberbürgermeister Fritz outete sich als solcher Gutmensch an der Seite von Frau Mayer in besagter SWR-1- Sendung. Nun – außer der Keule gegen Schützen hatte er wenig Greifbares zu bieten. Er blieb beim eifrigen Paddeln im Mainstream der Massenmedien. Und hier tummelte sich um den 11. März 2010 ein wirklich buntes Völkchen von weiteren selbsternannten Weltverbesserern. „Die Kälte darf nicht siegen.“ Wohl selten hat ein Buchtitel so umfassend kostenlos großflächig Reklame erhalten, wie das punktgenau zum Jahrestag von „Winnenden“ von der Hinterbliebenen Gisela Mayer platzierte Werk. Klar, dass auch Lokaljournalisten der Region mit im Strom planschten: „CDU und FDP knicken ein vor Lobbyisten“ heißt es in einer Tageszeitung im Mittlern Neckarraum. Dort hat man Schützenvereine als „starke Lobby“ ausgemacht, ebenso die „Killerspieler“. Das Böse ist immer und überall .... Mit im Strom der guten Menschen schwammen beispielsweise auch die SPD- Landtagsabgeordneten Sabine Fohler und Wolfgang Drexler. Sie schlugen verbal auf die Bundesregierung ein, weil sie die Forderung des Bundesrates nach einer weiteren Verschärfung des Waffenrechts abgelehnt hatte (DWJ 4/2010). Die Bundesregierung verweigere sich mit fadenscheinigen Argumenten der Forderung des Bundesrates, das „so genannte IPSC-Kampfschießen zu verbieten und sehe auch keinerlei Anlass, das Schießen mit großkalibrigen Faustfeuerwaffen weiter einzuschränken“. Entweder hat die Dame den umfassenden Bericht aus dem Bundesinnenministerium nicht gelesen, oder sie hat den Inhalt nicht verstanden: Von fadenscheinigen Argumenten ist dort nichts zu finden, viel dagegen über sehr fundierte Arbeit als Basis für den Bericht. Im Rauschen des Mainstreams ging da regelrecht unter, dass Respekt vor der Trauer von Menschen bei so manchen Medienorganen nach wie vor ein Fremdwort ist. „Ein Jahr danach – wie gehen Menschen mit dem Tod ihres Kindes heute um, wie haben sie ihn verkraftet? Unser Reporter berichtet in ungefähr zehn Minuten.“ So tönte es beispielsweise am Morgen des 11. März 2010 aus dem Radio. Was um Himmels willen treibt Reporter dazu, dermaßen in den Gefühlen tief Trauernder zu wühlen und die Erkenntnisse dann auch noch öffentlich zu machen? Eine schlichte Nachricht hätte genügt: „Zum Jahrestag des Massakers von Winnenden und Wendlingen trafen sich die Schüler und Lehrer der Albertville-Realschule sowie die Hinterbliebenen zu einem Gedenkgottesdienst. Zu Gast waren auch ....“. Zu langweilig! Es gab einen „Thementag Amoklauf Winnenden“, es gab Einspieler von letztem Jahr, intime Trauerszenen in peinlicher Form nach außen gekehrt. Gespielte Betroffenheit, beste Bedingungen für Gutmenschen, Weltverbesserung zu fordern, gegen „Waffenlobbyisten“ und „Killerspiele“ zu wettern. Die Medienlandschaft ist wie sie ist, hier gibt es oft nur die Alternative zwischen politisch korrekt und dem, was für einen selbsternannten Gutmenschen böse oder – wenn es gerade passt – rechtsextrem ist. Das gilt zumindest bei bestimmten Themen wie „Klimakatastrophe“ oder eben auch Legalwaffenbesitz. Und die „Political Correctness“ hat einen großen Charme für die, welche sich davon anstecken lassen: Sie entbindet vom Zwang, nachdenken zu müssen, bevor man den Mund aufmacht. Wer sich politisch korrekt äußert, kann sich des Beifalls publizierender Berufsclaqueure sicher sein. Unter diesem Aspekt hat der Bundespräsident am 11. März in Winnenden alles richtig gemacht. „Bundespräsident fordert Verschärfung des Waffenrechtes.“ Was will man in seiner Position mehr an Medienresonanz? Da fällt es nicht auf, dass er sich bei Menschen, die Fakten ehrlich beurteilen können, unglaubwürdig gemacht hat. Quelle: DWJ 05-10 / Seiten 10/11