Sein Name ist Karl-Heinz Haase…


oder: Der Blockwart lässt grüßen

4. März 2010 06:00
Ein Gastkommentar von Dr. David Schiller Natürlich mußte es so kommen:  Je näher der Jahrestag von Winnenden heranrückte, um so mehr über- schlugen sich die Medien mit mehr oder weniger sinnvollen Beiträgen zum Thema "Amok-läufen an Schulen" und Ratschlägen, wie man sie verhindern könnte. Den Vogel schossen dabei die Lübecker Nachrichten mit ein, zwei Meldungen Ende Februar ab. Im Zentrum standen dabei die hausgemachten Erkenntnisse eines Lokalpolitikers der Grünen, Karl-Heinz Haase, 57 Jahre alt, seines Zeichens Diplompsychologe. Der habe - so die LN am 26.2 - die deutschen Fälle ausgewertet und eine "Risikomatrix" erstellt, und biete nun sein Wissen den Schulen kostenlos an. Denn in Lübeck, so die reißerische Überschrift der LN seien die "Schulen schlecht gestützt."  Deshalb schlägt Haase auch vor, dass die Schützenvereine ihre jungen Schützen den Schulen melden sollen: “Trotz datenschutzrechtlicher Bedenken fordert der Psychologe einen Informationsfluss zwischen Schützenvereinen und Schulen,” so die Lübecker Gazette. Aber warum gerade in Lübeck fragt sich da der aufgeschreckte Leser? Haase und die LN liefern die Begründung: Haase habe "recherchiert, wie viele Lübecker Jugendliche legalen Zugang zu Schusswaffen haben. In sieben Vereinen mit 645 Mitgliedern trainierten im vergangenen Jahr 45 Jugendliche.” Haase weiter: “Hinzu kommt die unbekannte Zahl derjenigen, die mit ihren Vätern auf dem Schießstand trainieren.“  Nun sind Sportschützen und Jäger von den Grünen schon einiges gewohnt — man erinnere sich nur an Cem Özdemirs Forderungen zu Waffenrechtsverschärfungen nach Erfurt - die alle schon lange Bestandteil des WaffG waren. Oder Claudia Roths undifferenzierte Beiträge vom letzten Jahr zum Schießsport und zum “Einknicken vor der Waffenlobby”, die nun in so schönem Widerspruch zu ihrer Ablehnung von Generalverdacht bei der Vorratsdatenspeicherung stehen. Wie es gerade so passt. Aber der grüne Lübecker Lokalmatador, Karl-Heinz Haase, argumentiert anders. Er versucht, sich  einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Und die Lübecker Nachrichten gehen ihm dabei auf den Leim: “Die Amokläufe an deutschen Schulen hätten gezeigt, dass alle Täter ‘stille Waffennarren’ gewesen seien”,  berichten sie, ohne nachzufragen, wie man denn einen solchen “stillen”  Narren erkennen solle. Leider schaltet bei vielen Journalisten das kritische Bewußstein automatisch aus, wenn es um Waffen geht — so auch bei LN-Chefkorrespondent Curd Tönne- mann und LN-Lokalredakteur Kai Dordowsky, die für diese birnenreifen Beiträge verantwortlich zeichneten. Denn während weltweit Kriminologen und andere Wissenschaftler resigniert zugeben müssen, dass die üblichen Profiling-Schemata bei jugendlichen Amokläufern und Selbstmord-Attentätern versagen, hat man in Lübeck laut LN den Durchblick: “Es gibt kein anderes Delikt mit einem solch homogenen Muster“, erklärt der Psychologe. Haase spricht von einer Risiko-Population.” Und auch auf das Wie und Woher weiß die LN eine Antwort: “Haase stützt sich dabei auf eine Studie der Technischen Universität (TU) Darmstadt.”  Denn die einzelnen Elemente  wie männlich, jung, isoliert, keine Freundin, ein Hang zu Horrorvideos und Computerspiele stünden auch “in der Deutschen Amokstudie (sic!) der Technischen Universität Darmstadt, die der Politiker in Lübeck publik machen möchte.”  Schade nur, dass sich gerade diese hier so hochgelobte  Studie  von Dr. Jens Hoffmann, Karoline Roshdi und Dr. Frank Robertz wissenschaftlich auf einer viel zu schmalen Sammlung von nur sieben deutschen Amok-Vorfällen der Jahre 1999 bis 2006 bewegt - nicht anders wie die “Expertise” vor dem Innenausschuß  der Frau Professorin Bannenberg vor dem Innen, für die es ja auch keine weiblichen Amoktäter gab. Weder die jüngsten Vorfälle von St. Augustin, Ansbach, Ludwigsburg wurden berücksichtigt, noch unzählige andere polizeilich erfaßte Vorfälle, die schon im Vorfeld erkannt und von daher nichtzur Durchführung kamen oder keine so tragischen Folgen hatten. Dafür finden die Lübecker Journalisten auch gleich hochkarätigen Beistand für die Meldepflicht der als potentielle Amokläufer unter generalverdacht gestellten Jungschützen: Die stellvertretende Datenschutzbeauftragten des Bundeslandes,  Marit Hansen,  lieferte der LN sogar noch weitergehende Vorschläge: “Sportschützenvereine sollten sich am besten eine entsprechende Satzung geben.“ Der Betroffene würde gleich mit seiner Unterschrift in die Weitergabe seiner persönlichen Daten einwilligen. Vorstellbar wäre auch, dass Jugendliche nur bei Schützenvereinen aufgenommen würden, wenn sie einen Beleg über die entsprechende Information ihres Schulleiters beibringen...” Zwar zeigte sich das Kieler Bildungsministerium und verwies auf die fehlende Rechtsgrundlage. Aber da wußte die Datenschützerin flink Abhilfe: “Dann muss sie eben geschaffen werden.”  Ganz offensichtlich hat die Dame den Sinn ihres Amtes irgendwie verkannt. Es focht auch die LN-Schreiber, dass sich der norddeutsche Schützenverbandspräsident Peter Eyfarth vehement gegen Blockwartmentalität, Vorverurteilung und Generalverdacht aussprach. Er wurde nur mit dem Satz zitiert: “Wenn der Gesetzgeber die Voraussetzungen ändert, werden wir uns dem nicht verschließen.” Schade nur, dass die Lösung des Lübecker Grünen beim Realitätscheckversagt: In Bad Reichenhall, Erfurt, Emsdetten und Ludwigshafen beispielsweise waren die Täter Ex-Schüler, die aus dem Melderaster gefallen wären. In St. Augustin war es ein Mädchen, sie benutzte Messer oder Molotow-Cocktails, genauso wie die Täter von  Ansbach, Meissen oder Ludwigshafen. In diesen Fällen gab es auch keine Schützenvereinsmitgliedschaft, genausowenig wie bei den Schützen Coburg, Emsdetten oder Winnenden.

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